Zeitungskritik bzw. „Leserbrief-Resterampe“ offline
Neun Monate nachdem die „Zeitungskritik offline“ gegangen ist, hat nun auch die Weiterführung als „Leserbrief-Resterampe“ – so von einem Zeitungskritiker genannt – den Betrieb eingestellt.
Grenzen einer Idee waren absehbar
Dabei waren die Grenzen der Idee eines Redaktions-eigenen Watchblogs so absehbar, da es keinen Plan über die Verwendung des Blogs und keine stringent durchgezogene Netiquette gab. So durften sich höfliche, manchmal zuspitzende Kommentatoren bzw. Autoren (sprich: ehrenamtliche Content-Lieferanten) vom Chefredakteur persönlich anpampen
lassen. Die Erläuterung, das sei das Salz in der Suppe
entschuldigt kein überzogen freches und absolut stilloses Auftreten gegenüber Anderen.
Kommentare und Diskussion im Internet finden in der Öffentlichkeit statt. Deshalb sollte jeder Teilnehmer sich so verhalten wie bei einem Disput auf dem Dorfplatz. Entweder ist dieses Bewusstsein nicht vorhanden, oder manche Menschen lässt man besser gar nicht erst in sein Dorf.
Und wenn doch, ist die Stimmung auf dem Dorfplatz eben dahin. Betretenes Schweigen statt Kirmes. Das kommt eben davon, wenn der vermeintliche Schiedsrichter „Ballspiel“ mit „Blutgrätsche“ oder „Notbremse“ verwechselt. Da will dann keiner mehr mitspielen, auch wenn der Platz von ihm gestellt wird und es Getränke und Snacks gibt.
Ein Blog für den gelebten kritischen Dialog
kann funktionieren, nur muss die Netiquette für alle gelten und das Community-Management die absolute Lufthoheit haben, auch über (polternde) Vorgesetzte. Aber das war wohl nicht gewollt oder nicht durchsetzungsfähig.
Vom Blog zur Leserbrief-Sammlung
Damit gehorchten die Blogs der einzigen gedruckten regionalen Tageszeitung bislang scheinbar wohl einem »Gesetz der Serie«: Gestartet und genutzt als Blog, geendet als Leserbrief-Sammlung, später komplett aus dem Netz genommen. Vor etlichen Jahren gab es schon ein Blog – blog.hna.de
– das mittlerweile nur noch eine weiße Seite zeigt. (Wann) Wird dies auch dem ursprünglichen HNA-eigenen Watchblog widerfahren? Und warum verliert man in der Frankfurter Straße immer wieder die Lust an der selbst organisierte Leserkommunikation? Journalisten sind keine Blogger ;-)
Ausgelagerte Kommentare, ausgelagertes Hausrecht
Stattdessen soll es außerhalb weitergehen, Facebook und implizit auch Leser-Blogs werden genannt. Na immerhin besteht schon noch ein Interesse an der Lesermeinung. Mit dem Verweis nach draußen – auch bei den Kommentaren unter den Artikeln – werden allerdings nicht nur die Kommentare und die Diskussion ausgelagert, sondern auch das Hausrecht. Statt selbst eine Netiquette vorgeben zu können und die Diskussion eine Angelegenheit nur zwischen Leser und Zeitung zu belassen, wird eine ausländische Plattform dazwischen geschaltet, der sich der Leser zusätzlich anvertrauen muss. Kümmert wen dabei der Datenschutz?
Nicht mehr die Zeitung, sondern der Plattformbetreiber kennt den Leser. Nicht mehr die Zeitung gibt ein Hausrecht, eine Netiquette vor, sondern der Plattformbetreiber. Dann viel Spaß bei Diskussionen über weibliche Körperteile, Abtreibungen oder der Auslegung von Meinungsfreiheit. Dabei gehörten die Kommentare früher tatsächlich noch ins Redaktionssystem der Zeitung. Technische Gründe zur Auslagerung kann es daher wohl kaum gegeben haben.
Ausgenommen ist davon natürlich der klassische Leserbrief. Nur bleibt der jetzt wohl auf jeden Fall eine private Angelegenheit zwischen Leser und Zeitung. Was mit der Rückmeldung passiert, ob „Ablage P“ oder Anregung, ist damit zum Teil ebenfalls privat – oder „intransparent“.
1 HNA Watchblog aus Nordhessen schrieb am 24.06.2012:
Und noch ein kleiner Nachtrag zum Auslagern von Kommentaren an Disqus, wie es die Online-Ausgabe praktiziert: Mit Hilfe des Firefox-Addons RequestPolicy lassen sich die Domains anzeigen, von denen externe Inhalte auf einer Webseite eingebunden werden. Und wenn ich (temporär)
disqus.com
zulasse, erfahre ich mit dem Addon, dass Disqus seinerseits Google Analytics verwendet – und das vermutlich nach dem US-amerikanischen Datenschutz.